Pressespiegel 2011

Keine Kraft zum großen Wurf

PASSAUER NEUE PRESSE, 17.10.2011, Hermann Schmidt

In der Aula des Leopoldinum wurde am Freitagabend der alljährlich verliehene Musikpreis der Stiftung Europäisches Haus − Konzerthaus Passau überreicht. Er trägt ab jetzt den Namen des Gründers und Vorsitzenden Volker Mangold, der im Januar verstorben ist. Der Ort der Übergabe war nicht zufällig gewählt, denn Empfänger der mit 2000 Euro dotierten Auszeichnung ist diesmal − zweckgebunden an den Musikunterricht − das Gymnasium Leopoldinum.

PNP17-10-2011

Den Volker-Mangold-Musikpreis nahm Schulleiter Dr. Franz Füller (2.v.r.) für den Musikunterricht am Leo entgegen. Es gratulieren (v.l.) Albert Scharf, Jürgen Karl und Walter Schweitzer. (Foto: Ditte)

Freudestahlend nahm Schulleiter Dr. Franz Füller die mit dem Preisgeld verbundene Urkunde aus der Hand des neuen Stiftungsratsvorsitzenden Universitätspräsident Prof. Dr. Walter Schweitzer entgegen. Die Freude ist nicht grundlos, denn längst gehören die musischen Fächer und damit insbesondere die Musik zu den Stiefkindern des bayerischen Schulsystems. Zusätzliche Einschränkungen entstehen durch den verkürzten Weg zum Abitur mit dem G 8.

Nicht nur diesen Verlust an Bildungsqualität, sondern einen allgemeinen Verfall des kulturellen Bewusstseins – vor allem in der Politik − beklagte Festredner Prof. Albert Scharf, bis dahin seit zehn Jahren Ehrenpräsident der Stiftung. Der ehemalige Intendant des Bayerischen Rundfunks ging mit einer nur dem puren Materialismus folgenden Politik schwer ins Gericht.

"Neue Mitte legt Zeugnis von unserer Zeit ab"  Mit Blick auf das seit vielen Jahren in Passau mit starkem "Bürgersinn und Augenmaß" angestrebte, aber immer wieder gescheiterte Konzerthausprojekt meinte Scharf: In den letzten zehn Jahren habe sich viel ereignet − "auch in Passau: Eine Neue Mitte, so heißt es, ist entstanden, die von unserer Zeit Zeugnis ablegen soll. Und das tut sie auch, wenn auch nicht so, wie sich das viele, so auch ich, idealerweise vorgestellt, erträumt haben." Vielmehr "eher so, wie es eben unserer Zeit entspricht, die, so scheint es weithin allenthalben, nicht die Kraft und den Mut zum großen Wurf, zur großen Gestalt hat, die kaum einmal etwas hervorbringt, was sich mit den Bauten einer maßvollen, einfach schönen Würde messen könnte, die gerade auch in Passau Generationen einer anscheinend gänzlich vergangenen Vergangenheit hinterlassen haben."

Es sei schon erstaunlich, dass sich Bürgerinitiative und Stiftung bei all diesen Rückschlägen nicht hätten entmutigen lassen. Dabei fand der Referent herzliche Worte der Anerkennung und des Respekts für Volker Mangold, dessen Optimismus aber auch Realitätssinn er besonders lobte.

In der Zukunft gehe es um die Probe aufs Exempel, so Scharf: Ob denn Bürgersinn aus Bürgerstolz erwachsen noch etwas gelten und bewirken kann oder "in den Nöten des Alltags und im Dickicht mannigfacher, oft gegensätzlicher Interessen untergeht". So wichtig die Sorge um den Alltag sei, hänge eine den Menschen würdige Zukunft auch davon ab, ob und wie sich dort, wo sie leben, Kultur ereignet, sich Kultur entfalten kann. "Wie man die Kultur pflegt, so ist man auch, und so geht man in die Geschichte ein." An der Kultur erweise sich die Größe oder das Versagen einer Zeit vor der Geschichte.

Über einen Exkurs in die Passauer Historie leitete der Redner die Erkenntnis ab, dass auch und gerade in Zeiten von Not und Bedrängnis Kultur ein unverzichtbares Lebenselement für die Menschen sei. Und dass sie auch da möglich ist, bewiesen allein schon die kulturhistorisch bedeutenden Regenerationen der Stadt nach zwei großen Bränden im 17.Jahrhundert. Gerade in solchen Situationen dürfe man der Stagnation nicht nachgeben; "gerade dann muss man in nachhaltige Werte investieren, um Hoffnung zu geben und Vertrauen zu stiften."

Wenn man heute von Geldmangel spreche, sei dies durch die Tatsache widerlegt, dass nach neuesten Berechnungen Deutschland über ein Gesamtvermögen von über 10 000 Milliarden Euro verfüge. Es gehe immer auch um die Frage der Prioritäten. Im Übrigen seien in den letzten Jahrzehnten andernorts alle entstandenen Beispiele mutiger kultureller Zukunftssicherung nicht aus erspartem oder gar überflüssigem Geld finanziert, sondern meist durch langfristig kalkulierte kluge Investitions-Schuldenpolitik. Kultur gehöre zum Gemeinwohl, sei ein Bürgerrecht. "Man sollte die Bayerische Staatsregierung − wieder einmal − fragen, wie sie das sieht", meinte der Referent.

Musikpreis für den Musikunterricht am Leo  Während der in seinen Text eingearbeiteten Laudatio auf die Leistungen des Leopoldinum als umfassende Bildungsinstitution mit sehr langer humanistischer Tradition lobte Scharf die trotz aller Schwierigkeiten bestehende Nachhaltigkeit eines vorbildlichen Musikunterrichts an dieser Schule. Dabei richtete sich sein Dank auch an die Lehrerschaft.

In mehreren musikalischen Beiträgen mit Leo-Schülern konnten sich die Zuhörer vom hohen Standard des Musikunterrichts überzeugen. Stiftungs-Vorsitzender Jürgen Karl dankte dem Referenten. Prof Schweitzer erklärte, auch die Konzerthausfreunde würden das Haus der bayerischen Geschichte auf dem Exerzierplatz begrüßen: "Es geht nicht um die Frage Museum statt Konzerthaus, sondern Museum und Konzerthaus". Die Notwendigkeit eine Konzertraums stehe außer Frage.